Die weitere Lage-Entwicklung im Westen
5. Die Westalliierten USA, Großbritannien und
Kanada betreten das Reichsgebiet
Schon mit dem unter schweren Verlusten am 21. Oktober
1944 durch Einnahme der alten Kaiserstaat Aachen perfektionierten
Übertritt der Reichsgrenzen und partiellen Durchbruch der
befestigten Verteidigungsstellung Westwall standen die
US-Streikräfte mit ihrer 9. Armee auf deutschem Kerngebiet und
konnten sich dort auch behaupten. Trotzdem ist seitdem die Frontlinie
im Westen Mitte Februar 1945 immer noch oder schon wieder nur wenig
verändert. Das resultiert aus der Synergie
vielfältiger Faktoren.
Die Westalliierten haben intern folgende Probleme:
- Die seit der Invasion in der Normandie anhaltenden, in ihrer Schwere
zumeist mit denen der Ostfront vergleichbaren, Kampfhandlungen haben
sowohl die Streitkräfte der USA als auch jene
Großbritaniens vorläufig ausgelaugt.
- Die im Zuge des Vormarsches immer länger gewordenen
Nachschubwege und die damit erforderliche Infrastrukturierung der
Logistik können mit dem - besonders nach der Einnahme Paris´ -
stattfindenden Sturmlauf der eigenen Verbände immer weniger
Schritt halten. Die eine Vollversorgung gewöhnten US-Soldaten
und deren Befehlshaber müssen auf dem Feld ihrer
größten Überlegenheit, der
durchgängig organisierten Materialüberlegenheit,
reagieren: Sie verlangsamen die Angriffsdynamik, um eine
Häufung weiterer Engpässe zu vermeiden.
- Auch die zweite, seit Ende August 1944 agile Invasionsfront von USA
und Exilfranzosen ("Operation Dragoon"), die sich aus Richtung
Südfrankreich kommend relativ unbehelligt, jedoch langsam an
der Schweizer Grenze entlang nach Norden vorschiebt, erbringt zwar
über ihre Westflanke schon einen Großteil des
Gesamtnachschubes an kriegswichtigen Gütern nach vorn, muss
aber zunehmend in das Gesamtfrontgefüge integriert werden -
auch das erfordert zeitaufwendige Stabskoordination. Die geografische
Lage der neutralen Schweiz auf der rechten Flanke und die
gebirgsbedingten Wegeverengungen in den Seealpen und im Zentralmassiv
schaffen hier gute Weile im Gelingen.
- Herbst und Winter stehen bevor, und besonders die US-Truppen bemerken
zunehmend Ausrüstungsmängel (besonders, aber nicht
nur bei der Bekleidung ihrer Frontsoldaten) und Funktionsdefizite ihres
hoch mechanisierten, aber zum Teil auch Pannen anfälligen
Equipments.
- Die zur Auffrischung der dezimierten Frontverbände
herangeführten Verstärkungen bestehen weit
überwiegend aus kampfunerfahrenen Mannschaften und Offizieren,
deren Ersteinsatz unverhältnismäßig - auf
Dauer inakzeptabel - hohe Verluste generiert.
- Latente, manchmal sogar offen aufbrechende, niemals aber
aufgelöste grundsätzliche Diskrepanzen der
politisch-strategischen Sichtweise und Erwartung von
Roosevelt/Eisenhower auf der einen Seite und Churchill/Montgomery zur
"Neuordnung Europas" auf der anderen beeinträchtigen die
tagesmilitärische taktische Zusammenarbeit zum Teil doch
beträchtlich. Zudem verbreiten die Amerikaner im Joint Staff
zunehmend eine Aura selbstherrlch kraftstrotzender Omnipotenz, dem
setzen die Briten ihren unterkühlten Stolz eines
langjährig entbehrungsgequälten Frontstaates mit
ansehnlichen Schlachterfolgen in Afrika und Europa entgegen. Trotz
aller echt empfundenen, historisch-kulturellen Freundschaft zum
großen Bruder USA bleibt im Angesicht einer gewissen
Europafremdheit oder zumindest -unerfahrenheit der Amis das trotzige
Gefühl einer gefühlten Inferiorität wirksam.
Nicht zuletzt, sondern überhaupt differieren beide
Waffenpartner erheblich in der Einschätzung des Nutzens und
der mittel- und langfristigen Gefahren, die im Bündnis mit
Stalins Sowjetrussland entstehen können oder unausweichlich
werden. Missverständnisse, Misshelligkeiten, national
ostentativer Stolz sowie beschädigte Eitelkeiten sind auf
allen politischen und militärischen Kanälen der
beiden Anglos an der Tagesordnung und stören die
Koordinationseffizienz.
Die Westalliierten haben vor allem ein exogenes Problem - einen zu
allem entschlossenen Gegner, der im eigenen Heimatgebiet noch
verlustreich niedergerungen werden muss:
- Die Ardennenoffensive und der bis Anfang Februar 1945 über
Wochen unüberwindliche deutsche Widerstand im
Hürtgenwald mit seinem Aderlass auf US-Seite von ca. 33.000
sowie deutscher Seite von ca. 12.000 Mann, ließen die
potenzielle Stärke und Schlagkraft von Wehrmacht, Waffen-SS,
rückwärtiger Infrastruktur und Heimatfront seiner
Zeit weitaus stärker erscheinen als sie je wirklich war. Beim
Erlegen eines waidwunden Raubtiers sind aber immer ungeahnte
Erschwernisse erwartbar ...
- Mit dem Zurückdrängen der deutschen Heere
wächst, trotz deren permanenter Erschöpfung und
materieller Unterausstattung, auch deren Kampfmoral wieder an.
Schließlich verteidigt der deutsche Landser seine Heimat
zunehmend unmittelbar. Außerdem kommt jetzt der Vorteil der
"Inneren Linie", zumindest vorerst, wieder stärker zur
Geltung: Kampf- und Versorgungslinien sind für die deutschen
Streitkräfte in der Verteidigerposition merklich
kürzer geworden, d. h. zahlreicher zu besetzen, zu verteidigen
und zu durchbluten. Folgerichtig massiert sich physisch und
psychologisch die reale Kampfkraft noch einmal real, erreicht eines der
letzten Zwischenhochs. Das spüren die Angreifer an der Front
hautnah und die Stäbe anhand der Länge der
Verlustlisten.
- Das zu erobernde Reichsgebiet birgt tektonisch und
flächenstrukturell durch natürliche Barrieren wie
Mittelgebirge, Rhein (-graben) und Urbanisierung (Häuserkampf)
für den Angreifer noch unkalkulierbare Verlustpotenziale. Denn
der Vormarsch muss sich dadurch vorrangig auf den Fahrstraßen
vollziehen, aber darin liegt nicht nur die Chance eines schnellen
Vorankommens, sondern gleichzeitig auch mannigfaltige Risiken
nachhaltigen Stillstands - bei hohen Ausfällen an Mensch und
Material.
Am 7. März gelingt amerikanischen
Vorausverbänden zwischen Bonn und Koblenz der
Rheinübertritt auf einer nicht rechtzeitig bzw. nicht
erfolgreich gesprengten ...
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