Schlacht um Berlin

Die Reichshauptstadt als Schaltzentrale und Endpunkt für den "Endsieg"

4. Die Oder wird Hauptkampflinie der Ostfront

Die in den Ardennen eingesetzten deutschen Kräfte fehlen an der Ostfront, denn deren ohnehin seit spätestens Spätsommer 1944 so gut wie ausgebrannten Heeresgruppen mussten zusätzlich Divisionen für diesen, in den Ardennen geführten, letzten Schlag abgeben. Diese Verlagerung von Kräften und Materialzuteilung trägt zu einem beschleunigten Vormarsch der Roten Armee bei. Hitler meint, sich das aber im Osten leisten zu können. Dies ist ein schwerwiegender Irrtum, denn den Russen gelingt Mitte Januar der Durchbruch der hauchdünn gewordenen deutschen Linien, und in dem nun folgenden Sturmlauf legen ihre Kampfverbände innerhalb von knapp drei Wochen über 500 Kilometer zurück. Ostpreußen, Westpreußen und Pommern mit wesentlichen Teilen der Heeresgruppe Nord (ehemals Heeresgruppe Mitte), ab Ende Januar 1945 erneut umbenannt in Heeresgruppe Kurland, werden in einem Korridor entlang der Ostsee von den voranstürmenden Sowjetarmeen zerniert. Hitler lässt die ab Ende Januar vollständig eingeschlossene Hauptstadt Ostpreußens, Königsberg, zur Festung erklären. Der Kampfkommandant kapituliertdort erst am 9. April und wird dafür in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Schon am 30. März war das wegen seiner Hafenanlagen wichtige Danzig (2. Armee unter Weiß) gefallen. In ihrem unaufhaltsamen Vorwärtsdrang läuft die Rote Armee an den größeren Städten zwischen Ostsee und Slowakei, für die Hitler strikten Haltebefehl ausgegeben hat, einfach vorbei, um sie dann später zu berennen oder zur Kapitulation zu zwingen. Die fast vollständig entvölkerte Ruinenstadt Warschau kann schon am 17. Januar 1945 nahezu kampflos besetzt werden. Krakau soll den Russen nur völlig zerstört überlassen werden, die Anstrengungen zur Sprengung scheitern aber, sodass die südpolnische Metropole fast völlig unversehrt in sowjetische Hände fällt. Auch das zentralpolnische Lodz (1939 - 1945 Litzmannstadt) kann mit seinen Industrie-Anlagen ohne größere Kriegsschäden am 19. Januar eingenommen werden. Das mit einem starken deutschen Bevölkerungsanteil besiedelte Bromberg fällt Ende Januar 1945, am 23. Februar geht das zu einem Drittel deutsch bevölkerte Posen nach schweren Kämpfen verloren. Das pommersche, im Jahr 1807 gegen die napoleonischen Eroberungsversuche standhafte und damit legendär gewordene, Kolberg wird vom 5. bis 18. März im Zusammenhang der Schlacht um Ostpommern Schauplatz heftiger Kämpfe und dabei fast vollig zerstört.

In den ersten Tagen des Februars 1945 bilden die Angriffsspitzen der Roten Armee an der Oder nahe Küstrin einen Brückenkopf im brandenburgischen Kernland des Reiches und besetzt nachfolgend schnell das gesamte östliche Oder-Ufer, steht mit den Panzerspitzen also nur noch knapp achtzig Kilometer vor der Reichshauptstadt und bedroht schließlich in breiter Front Hitlers letztes "Reduit". Allerdings macht das spätwinterliche Tauwetter ein geschlossenes Übersetzen in diesem sumpfigen Gelände unsinnig. Auf dem linksseitigen Oderufer formieren sich Wehrmacht und Waffen-SS-Verbände neu, allerdings in weit schwächerer Konzentration.

Adolf Hitler hat sich mit relevanten und ihm auch besonders ergebenen Spitzen aus Partei und OKW (Oberkommando Wehrmacht) in die tief unter der Reichskanzlei angelegten aber keinesfalls weitläufigen Räumlichkeiten des Führerbunkers zurückgezogen. Über ihm die durch Spreng- und Brandbomben sowie Luftminen ("Blockbusters") weitgehend verkraterte Metropole: eine Ruinenlanschaft, die allein im Jahr 1944 111 Luftangriffe erdulden musste und die Anfang 1945 im Innenstadtbereich nahezu 80 % zerstört ist. Das schlägt sich auch im Volksmund nieder. Der Berliner, weder auf Kopf noch Schnauze gefallen, empfiehlt vor dem letzten Kriegsweihnachten: "Praktisch denken, Särge schenken". Der reale Krieg, obwohl fühlbar nah, muss von Hitler und seiner Entourage weiterhin blind, geradezu virtuell und diesmal sogar dauerhaft aus muffig unterirdischer Enge heraus fortgeführt werden. Das durch Granaten und Bomben verursachte, immer stärker wütende Donnerwetter an der Stadtoberfläche ist jedoch als Bodenschwingungsensemble ein vibrationssensorisch nicht zu ignorierend auf- und abschwellendes Beben, ein nicht enden wollender "Seegang". Je mehr sich die Front nähert, desto erlebbarer wird sie damit auch im betonummantelten Untergrund. Und sie kommt unausweichlich jeden Tag und schließlich erlebbar jede Stunde näher. Der in Räumlichkeiten, nicht zuletzt auch subterranen, besonders unangenehme Seegang nimmt an Intensität unaufhörlich zu.

Mitte März 1945 verlässt Hitler noch einmal die Katakomben seines Kommandostandes und erstattet der nahen Ostfront einen letzten Besuch, versprüht Zuversicht, schmäht die Feinde, gibt sich ob der Opferbereitschaft lobend dankbar, erteilt weisenden Ratschlag, versprüht in kurzen Momenten visionäre Philosophie, erwähnt vage den Großeinsatz von vergeltungsgewaltigen "Wunderwaffen", lässt an seiner selbstgewissen Unbeirrtheit keinen Zweifel, um sich dann endgültig der Öffentlichkeit zu entziehen und in die ihm mehr aufgezwungene als selbst gewählte Unterwelt des Führerbunkers verschwinden zu müssen. Von nun an ist er jenseits des Gartenzauns der Reichskanzlei nicht mehr zu erblicken.

Marschall Schukow, der Befehlshaber der 1. Weißrussischen Front, drängt zu diesem Zeitpunkt auf das weitere schnelle Vordringen Richtung Berlin - Stalin lehnt dies ab und verordnet zur Vorbereitung des finalen Angriffsstoßes eine Zusammenfassung und Konsolidierung der sowjetischen Angriffskräfte auf ganzer Frontlinie rechtsseitig der Oder. Denn die schnellen Gebietsgewinne der letzten Wochen und Tage machen den bisherigen Aufmarsch keinesfalls lückenlos, homogen und logistisch optimiert.
Durch die Ardennenoffensive an der Westfront hat der Kreml-Generalissimus zwar durch schnellen Terrainzugewinn im Wettlauf mit den Westmächten bei der Eroberung Deutschlands Zeit gewonnen, weil die Westalliierten ihren Vormarschterminen hinterherhinken. Doch er bleibt wie er immer schon war: vorsichtig. Der daraus resultierende, allerdings etwas verzögerter Lohn für die Ardennenoffensive gewährt dem NS-Regime noch rechtzeitig einen - fast schon unerwarteten - Aufschub der kommenden Ereignisse.

Vor dem Großangriff auf Brandenburg und Berlin sollen erst Danzig und Pommern von der Roten Armee arrondiert worden sein. Danzig fällt nach erbitterten Kämpfen am 30. März 1945. Breslau, die Hauptstadt des urdeutschen Schlesienund seit Mitte Februar gänzlich eingeschlossen, verteidigt sich mit merklich unterlegenen Kräften und wird dabei zu über zwei Dritteln zerstört. Die "Festung" Breslau kapituliert jedoch erst am 6. Mai. Der im südlichen Frontabschnitt gelegene weitaus größte Teil des als "Protektorat Böhmen und Mähren" 1939 annektierten Gebietes (als "Erledigung der Rest-Tschechei") ist noch in der Gewalt deutscher Truppen und bleibt dies auch bis Anfang Mai. Militärgeografisch soll nach dem Willen Stalins aus dem Stoßkeil der Roten Armee auf Berlin erst eine breite, zusammenhängende und rückwärtig gesicherte Kampflinie am Oder-Neiße-Wasserweg entstanden sein, bevor der finale Schlag gegen die Reichshauptstadt geführt wird. Dann aber auf breiter Front und umso gewaltiger.

Schon mit dem unter schweren Verlusten am 21. Oktober 1944 durch Einnahme der alten Kaiserstaat Aachen perfektionierten Übertritt der Reichsgrenzen ...

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