Schlacht um Berlin

Projektierte Wege der Alliierten zum Sieg und zur Nachkriegsordnung

3. Die strategischen Perspektiven der Jalta-Konferenz

In den ersten zwei Februarwochen 1945 treffen sich auf der Krim die Regierungschefs der drei großen Bündnisnationen zur Konferenz im Schwarzmeerbadeort Jalta, um das weitere militärische Vorgehen abzustimmen und vor allem, wesentliche Aspekte der europäischen Nachkriegsordnung zu erörtern.
Roosevelt, Churchill und Stalin vereinbaren hier u. a. folgende territoriale und politisch-administrative Maßnahmen:
- Bekräftigung des Ziels der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches
- Deutschland wird nach seiner Besetzung in drei (später vier) Besatzungszonen aufgeteilt - diese werden den Lage-Standorten der jeweils nationalen Heeresgruppen entsprechen
- Berlin wird in vier Besatzungssektoren aufgeteilt, wobei die Sowjetunion proportional den größten Sektor zugeschlagen bekommt
- Schaffung des Alliierten Kontrollrates als Oberbehörde in Deutschland
- umfassende Entnazifizierung, totale Entwaffnung bzw. Entmilitarisierung, (gemeinsame) Veranstaltung von Kriegsverbrecherprozessen
- Realisierung von Reparationsleistungen auch mittels radikaler Demontage bestehender Industrieanlagen und Infrastruktur
- Westverschiebung Polens mittels ganz beträchtlicher Gebietsabtrennungen (ohne Festlegung genauer Grenzen) zu Lasten des Deutschen Reichs (das als Staatwesen dann nicht mehr existieren wird)
- Anerkennung der von Stalin installierten provisorischen (kommunistischen) Regierung in Polen
- Die Sowjetunion gibt die vage Zusicherung ab, nach dem Sieg über Deutschland gegen Japan in den Krieg einzutreten ...

Nach den in Moskau zwischen Churchill und Stalin bilateral geführten Gesprächen und dem Gipfeltreffen von Teheran (1943) zwischen den drei großen Zwangsverbündeten USA, UK und UdSSR geht das Stalin-Reich auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam (1945) beim Schachern um die zukünftigen Territorialansprüche und Hegemonialsphären endgültig und eindeutig als Siegermacht hervor. Es kann sowohl seine bisherige Stalinisierungspolitik in den Gebieten des Hitler-Stalin-Paktes (1939) als auch in den im Zuge des Roll-Backs neu eroberten Gebieten expansiv fortsetzen und ungestört konsolidieren. Die Preisgabe und damit fast gänzliche Überlassung der Staaten Ostmittel- und Ostsüdeuropas durch die Westmächte an Stalin ist keine imperialistische Glanzleistung. Die notorischen Europa-Nichtkenner Roosevelt und Truman verspielen hier leichtfertig Märkte, Ressourcen, Produktionsstandorte, Investitionsmöglichkeiten und militärstrategisches Glacis in fast schon amateurhafter Nachlässigkeit.

Der Mahner Churchill kann dem nicht merklich entgegenwirken, denn er spielt im Trio "der großen Drei" keine gleichberechtigte Rolle mehr. Großbritanien ist zu diesem Zeitpunkt kriegsbedingt verarmt und zudem bei den USA hoch verschuldet, in der Geltung auch militärisch schon merklich zurückgefallen und hat demzufolge politisch an Bedeutung, d. h. gleichberechtigter Mitentscheidungskraft, signifikant verloren. Zudem ist die weltwelt koloniale Machtüberdehnung und die damit verbundene Auszehrung des britischen Empire spätestens nach dem Angriff der Japaner (1941) und dem Afrikafeldzug der Deutschen (1941-1943) evident geworden. Die Kosten zur autokratischen Beherrschung und Ausbeutung von ungeheuren Arealen unterentwickelter Gebiete, die Verwaltung und Verteidigung von Urwald und Wüstensand, übersteigern die Kapazitäten der Briten spätestens im Kriegsfall. Der alte englische Löwe ist den zukünftigen imperialistischen Herausforderungen nicht mehr gewachsen, er röchelt hörbar und sieht sich in dem innergesellschaftlich selbst gewählten rostigen Käfig einer dualen, überlebten und dünkelhaft konservierten Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts gefangen, kann wenige Jahre später seine weltweiten Besitztümer nur noch unter Wehen abwickeln und fällt global endlich in eine irreversible Zweitrangigkeit zurück. Zwar helfen die tapfer kämpfenden Armeekontingente aus den überseeischen Dominions of the British Empire (Kanada, Süd-Afrika, Neuseeland, Australien) sowie den Kronkolonien (Süd-Rhodesien, Britisch-Indien) dem weltweit von UK geführten Krieg personell auf die Beine. Die englischen, walisischen, schottischen und nordirischen Infanteristen, Pioniere, Panzerbesatzungen, Kanoniere, Kommandosoldaten, RAF-Jagdflieger und -Bombercrews sowie Angehörigen der Navy auf, über und unter dem Wasser sind in der Regel gut kommandierte und ausgebildete, zähe und gefährliche Kämpfer. Aber als Teilnehmernation der ersten Stunde des seit mehr als fünf Jahren andauernden totalen Krieges ist das Insel-Kernland technologisch ausgereizt, ökonomisch ausgehöhlt und schließlich an den Rand der Erschöpfung gebracht worden.

Es zeichnet sich spätestens im beginnenden Jahr 1945 immer deutlicher ab, dass die Nachkriegswelt von den USA und der Sowjetunion dominiert sein wird. Der kapitalliberale und hochtechnologische US-Imperialismus verliert im Machtpoker um die Weltvorherrschaft gegen den totalitär rustikalen Sozialimperialismus der Sowjetunion bei Kriegsende auch deshalb zwei wichtige Zähl-Runden, weil beim verlustreichen Endkampf gegen die japanischen Aggression in Ostasien das definitive Ende noch nicht in Sicht ist und die USA einen am Verhandlungstisch verwöhnten Stalin zur Kampfaufnahme in der Mandschurei, d. h. für eine baldige Kriegserklärung gegen Japan, besser zu motivieren, glaubt. Diese aus halbierter Aufmerksamkeit für Europa resultierende Halbherzigkeit in der Zielsetzung und Durchsetzung expansionistischer Ziele einerseits, sowie eigennützige militärökonomische Erwägungen zur Lastenverteilung bei der Weiterführung des Krieges in Asien sind, neben einer durch Roosevelt generell blauäugigen Einschätzung von "Uncle Joes" wahrem Wesen, strategisch mitentscheidend für den halben, zumindest inkompletten US-Erfolg beim Verteilungspoker für die anglo-amerikanischen Mächte in Europa.

Ob das US-Banken- oder das Industrie- und Dienstleistungskapital in den Bereichen
- Rüstung
- Luftfahrt
- Schiffbau
- Fahrzeugbau
- Maschinenbau
- Kommunikationstechnik
- Textilerzeugung
- Chemie
- Ernergieversorgung
- Rohstoffgewinnung/-handel
- Medizin
- Pharmazeutik
- Bauwesen
- Transport u. a.
die Forcierung der Anstrengungen zur baldigen Beendigung genauso goutiert, wie sie das herrschende demokratische Establishment in Regierung, Legislative und damit auch US-Bundesverwaltung aus Gründen des Finanzierungsbedarfs und in Hinblick auf die Stimmung bei den Wahlbürgern betreibt, ist eher unwahrscheinlich. In Zeiten des Krieges sind Auftragsbücher und Gewinnmargen jedenfalls immer besonders erfreulich, und jeder weitere Kriegstag kann die Bilanzen nur noch erfreulicher gestalten. Denn eine Erkenntnis ist fundamental und ubiquitär. Zum Kriegführen braucht man drei Dinge: Geld, Geld und noch mehr Geld. Geld, das mit vollen Händen ausgegeben werden muss. Bewaffnete Konflikte verschlingen nicht nur Menschen, sondern Sachwerte, und Staatsfinanzen lösen sich buchstäblich in Rauch auf ...

Die in den Ardennen eingesetzten deutschen Kräfte fehlen an der Ostfront, denn deren ohnehin seit spätestens Spätsommer 1944 so gut wie ausgebrannten Heeresgruppen mussten zusätzlich Divisionen ...

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